Grüße aus Hoang Mai

Aus der Online-Zeitung „LichtenbergMarzahnPlus“ vom 08.12.2014

Kinderzeichnungen reisen um die Welt

Von Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel (1-8), Roman Hillmann (9-12)

Marzahn. Obwohl es schon nach Unterrichtsschluss ist und außerdem Freitag, ist der Klassenraum der 6a in der Peter-Pan-Grundschule an der Stolzenhagener Straße noch voll besetzt. Man könnte fast eine Stecknadel fallen hören als Roman Hillmann, in Marzahn-Hellersdorf als Aktionskünstler und umtriebiger Kulturmanager gut bekannt, den Raum betritt. Die Mädchen und Jungen sind gespannt, ihre Klassenlehrerin Steffi Weitzel ebenso. Denn Hillmann hat ihnen allen etwas mitgebracht – Zeichnungen aus dem mehr als 8.000 Kilometer entfernten Vietnam.

Was macht mich glücklich?
Die bunten Bilder wurden von Altersgefährten aus Hoang Mai, dem Partnerbezirk von Marzahn-Hellersdorf in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi, speziell für die Marzahner Grundschüler gemalt. Diese hatten ihrerseits schon im vergangenen Schuljahr im Kunstunterricht für die Kinder aus Hoang Mai gezeichnet. Roman Hillmann und seine Partnerin Ankelina Möller, eine freie Fotografin und Künstlerin, haben die Zeichnungen aus Marzahn im November an eine sechste Klasse  der Tan Dinh Secondary School überreicht, außerdem auch noch ein Plakat mit dem Motto „Was macht mich glücklich?“ Auf dieses waren kleine Zettel, die die Peter-Pan-Grundschüler geschrieben hatten, geklebt worden.

Jetzt ist die Antwort eingetroffen. Und siehe da, die Marzahner Kinder und die Jungen und Mädchen aus dem weit entfernten Partnerbezirk haben ganz ähnliche Freuden und Wünsche. Fast alle schreiben, dass ihre Familie und ihre Freunde sie besonders glücklich machen. Roman Hillmann erzählt den Sechstklässlern aus der Peter-Pan-Schule, dass viele vietnamesische Kinder sich sehr wünschten, dass ihre Eltern mehr Zeit für sie haben: „Da arbeiten Mutter und Vater oft sehr hart, manchmal 16 Stunden am Tag, auch an den Wochenenden.“ Kein Wunder, dass die Bilder der kleinen Vietnamesen häufig die ganze Familie zusammen zeigen – beim Ausflug ans Meer beispielsweise oder in einen Park.

Nun hängt ein Plakat mit den Briefchen der Grundschüler aus Hoang Mai an der Tafel der 6a, direkt neben dem der Marzahner. Jenny und Janson, die zwar in Deutschland geboren sind, deren Eltern aber aus Vietnam kamen, versuchen zu übersetzen. Jenny kann ganz gut vietnamesisch vorlesen, bei der Übersetzung bekommt sie allerdings nur den Sinn zusammen: „Das hat irgendetwas mit Schule zu tun und dass die Eltern oft nicht da sind“, sagt sie. Janson und Jenny zeigen ihrer Klasse das Victory-Zeichen, heute ein gebräuchlicher Alltagsgruß in Vietnam, ursprünglich das Siegeszeichen über den US-amerikanischen Aggressor im 1975 beendeten Vietnamkrieg.

Schichtunterricht und obligatorischer Mittagsschlaf
Das Zeichen ist ebenfalls auf vielen der Fotos zu sehen, die Hillmann und Möller von ihrer  Südostasienreise, die sie auch nach Hoang Mai führte, mitbrachten. Die Fotos werden mit einem Beamer an die Wand des Klassenzimmers geworfen. Nicht alle zeigen die Schüler aus der Tan Dinh Secondary School, auch etliche Alltagsszenen aus Hoang Mai haben die Künstler aufgenommen: die vielen Motorroller und Mopeds, die den Straßenverkehr prägen, kleine Garküchen, einige wenige Plattenbauten innerhalb eines Viertels mit vielen niedrigeren Gebäuden. Roman erzählt, dass die Tan Dinh Secondary School zu wenig Räume für die vielen Schüler hat und es deshalb Schichtunterricht gibt – die einen Kinder gehen vormittags zur Schule, die anderen nachmittags. „Das ist aber schwer, wenn man Geschwister hat“, meint ein Junge. „Da muss dann vielleicht ein Bruder vormittags zur Schule und ein anderer am Nachmittag.“ Jenny, die selbst schon mehrfach in Vietnam war, berichtet, nicht sehr begeistert, dass man dort immer Mittagsschlaf hält: „Alle tun das, auch die Erwachsenen.“ Hillmann sagt, dass das wohl mit der Hitze zu tun habe. „Als wir im November dort waren, hatte es 33 Grad Celsius.“ Die Kinder staunen – in Marzahn liegen die Temperaturen derzeit nur wenig über Null Grad.

Bilder gehen jetzt nach Kuba
Die Reise der Kinderzeichnungen nach Hanoi und zurück nach Berlin wurde im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Marzahn-Hellersdorf und Hoang Mai mit einer kleinen Zuwendung aus dem Bereich Kultur gefördert. Hillmann sagt, das Projekt habe sich gelohnt: „So eine Partnerschaft sollte man bei den Jüngsten beginnen.“ Die Kinder hätten viel voneinander erfahren, auch dass sie sich in ihren Hoffnungen und Wünschen ziemlich ähnlich sind. „Wenn man mehr voneinander weiß, hat man auch weniger Vorurteile gegenüber Menschen anderer Rassen und Hautfarben“, sagt er in Anspielung auf die  fremdenfeindlichen Aufmärsche, die gegenwärtig von Rechtsextremisten in Marzahn organisiert werden.

Die Kinderzeichnungen aus Marzahn und Hoang Mai reisen jetzt noch weiter in die Welt: Hillmann und Möller haben sie am Sonntag, 7. Dezember, nach Kuba mitgenommen. Die Künstler wollen Projekte in Santiago di Cuba realisieren, geplant ist unter anderem eine Fassadengestaltung mit dem Pop-Art-Künstler Jim Avignon. „Wir bringen die Bilder in eine Schule und dann werden die kubanischen Kinder Euch und den Schülern aus Hoang Mai antworten“, sagt Hillmann. „Spätestestens im Februar kommen wir mit allen Zeichnungen und mit vielen Fotos, die dann auch nach Vietnam und Kuba geschickt werden, wieder in Eure Klasse“, verspricht Hillmann.