Deutsch-Polnische Jugendbegegnung – ein alter Hut

Aus der Zeitschrift „POLEN und wir“ Ausgabe April 2002

Von Carl F. Franken

Damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet. Das erste Mal fuhren wir mit einer Kinder- und Jugendgruppe nach Polen und wussten dabei um die vielen Vorbehalte. Wird das gut gehen mit einem schnell zusammengestricktes Programm, einem Partner, der erst vier Wochen vorher gesucht wurde und einer Gruppe, die Kinder von 9 bis 14 Jahren umfasste, darunter einige, die durchaus zeigten, dass sie das vorbereitete Programm mit Schulbegegnung, Besuch in polnischen Familien etc. überhaupt nicht interessierte? Doch nach vier Tagen sah die Welt ganz anders aus. Da gab es tatsächlich Tränen beim Abschied. Bei den Freunden aus Rzeszów (das war das Reiseziel), aber auch (wenn auch etwas versteckt) bei unseren Kids. Und schon im Zug auf der Heimfahrt wurden die ersten „Liebesbriefe“ an die neue Freundin in Polen geschrieben, schön mit Herzchen bemalt. Und die immer wiederkehrende Frage an die Betreuer: „Im nächsten Jahr kommen wir doch wieder?“

Tausende besuchen inzwischen das jeweilige Nachbarland. Aber Hunderte von geplanten Begegnungen finden erst gar nicht statt, weil es nicht genügend Geld dafür gibt oder weil auf deutscher Seite die Teilnehmer ausbleiben. Das es auch anders gehen kann, zeigt ein Beispiel bei einem Berliner Verein für Jugendarbeit.

Erst Anfang August 2001 startete der Projektbereich Internationale Jugendbegegnung beim Berliner Verein „Kids & Co“, der durch seine Jugendeinrichtungen, Jugendclubs, Projekte der Vorbereitung auf das Arbeitsleben und seit drei Jahren durch die „United Space Parade“ bekannt ist. Hintergrund für den neuen Projektbereich war die Tatsache, dass der Stadtbezirk Marzahn-Hellersdorf eine Reihe von Städtepartnerschaften unterhält, es jedoch nur wenig wirklichen Kontakt zwischen der Bevölkerung, insbesondere der Jugend, gibt. Da bot sich die „USP“ an. Schon zweimal hatten jugendliche Astronomie-Fans, Modellbauer, Treckies (Star-Treck-Fans) und viele andere gebaut, gebastelt, sich kostümiert und waren rund um die „Allee der Kosmonauten“ in Berlin gezogen. Diesmal sollten internationale Gäste dazukommen.

Und tatsächlich gelang es. Obwohl ganz kurzfristig organisiert, kamen aus Polen die Tanzgruppen Paka und Piruet vom Kulturhaus der Stadt Tychy, die Schüler und Schülerinnen der Zirkusartisten-Schule von Minsk (Weißrussland) und eine Gruppe von Schülern aus Halton (Großbritannien), insgesamt rund 70 Jugendliche. Aber allein die Parade konnte kein Programm für eine Jugendbegegnung sein. So wurden Stadtbesichtigungen, natürlich mit Besuch des neuen Reichstages und anderer wichtiger Einrichtungen, der Besuch des Pergamon-Museums sowie des Technik-Museums organisiert. Besonders gut kam der Besuch in Berliner Schulen an. Und natürlich standen verschiedene Jugendclubs auf dem Programm.

Die Finanzierung der einzelnen Begegnungen konnte mit Hilfe des deutsch-polnischen Jugendwerkes sowie mit Spenden von Firmen und Politikern realisiert werden. Und der Besuch der Kinder-Gruppe in Rzeszów – finanziert mit Hilfe des Berliner Aktionsprogramms für Demokratie und Toleranz „respect“ – folgte gleich vier Wochen später.

Neue Pläne fürs neue Jahr

Für das neue Jahr sind nun neue Begegnungsrunden mit allen Partnern und die Erweiterung auf Gäste aus Budapest vorgesehen. Dabei sollen die einzelnen binationalen Treffen deutsch-polnisch, deutsch-britisch etc. ein jeweils noch individuelleres Programm erhalten und die deutschen Partnergruppen noch mehr Zeit mit ihren Gästen verbringen, so dass das Kennenlernen erleichtert wird.

Gerade im Nordosten Berlins, einer Gegend in der rechtsradikale Einflüsse auf Jugendliche eher die Regel als die Ausnahme sind, zeigt das neue Projekt von Kids & Co schnell positive Ergebnisse. Die Anfragen für die Begegnungen im neuen Jahr laufen.

Kontakt: Kids & Co g.e.V. Projektbereich Internationale Jugendbegegnung,
Karl Forster, Telefon: 030/ 99 90 17 63 (int. 15)