Als der Westen auf den Osten traf

Augsburger Allgemeine (online) vom 01.09.2010

Von Martina Bachmann

Städtepartnerschaft

Zwei Bürgermeister zu Beginn einer Städtepartnerschaft: Dr. Harald Buttler (Marzahn-Hellersdorf, links) und Professor Georg Barfuß (Lauingen). Foto: Stadt Lauingen

Landkreis An die ältere Dame erinnert sich Professor Georg Barfuß noch genau. Getroffen hat er sie in Marzahn-Hellersdorf. Mit dem Berliner Bezirk verbindet Lauingen bis heute eine Städtepartnerschaft. Entstanden ist sie, als Barfuß Bürgermeister der Herzogstadt war. Und als er in dieser Funktion in dem Gebiet der einstigen DDR war, sagte die Dame zu ihm: „Sie sind eigentlich ein lieber Bengel.“

Jahrelang hatte die Frau zuvor von der DDR-Führung zu hören bekommen, dass „die“ im Westen böse und schlecht seien. Doch dann kamen die Montagsdemonstrationen, der Mauerfall und die Deutsche Einheit am 3. Oktober, die sich heuer zum 20. Mal jährt.

Die ersten Bürgermeister und Verwaltungsexperten reisten in den Osten. Und später entstanden Partnerschaften – wie beispielsweise zwischen Lauingen und dem Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf, zwischen Dillingen und Brand-Erbisdorf sowie zwischen Höchstädt und Friedrichsgrün.

Gerhard Kornmann war damals Chef im Höchstädter Rathaus. Als er das erste Mal nach Friedrichsgrün reiste, hat er sich gedacht: „Ja, wo ist denn hier die Autobahn?“ Denn das, was nach der bayerischen Stadt Hof als ebensolche bezeichnet wurde, sei nur eine ordinäre Straße in einem schlechten Zustand gewesen. Er und die Experten aus der Verwaltung hätten auf Anfrage geholfen: „Wir wollten nicht die Gescheiteren sein.“

Doch schließlich mussten die Verantwortlichen in den neuen Bundesländern erst lernen, was eine kommunale Selbstverwaltung bedeutet. Kornmann faszinierte der Fall der Mauer, die Macht des Volkes. Der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit ist seiner Meinung nach allerdings willkürlich gewählt.

Die Familie von Dillingens Alt-OB Hans-Jürgen Weigl stammt mütterlicherseits aus Freiberg in Sachsen. Das liegt neben Brand-Erbisdorf, der heutigen Partnerstadt Dillingens. „Meine Mutter hat dort früher gearbeitet.“ Weigl erinnert sich noch an den graubraunen Putz, an den erbärmlichen Zustand der Straßen zur Zeit der Wiedervereinigung. Und er findet auch Lob für die Brand-Erbisdorfer, sie hätten die Probleme „sehr gut angepackt“. Mittlerweile habe sich dort viel verändert: „Derzeit wird gerade der Marktplatz saniert.“ Zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit will der Alt-OB wieder in die Partnerstadt fahren.

Eine Partnerschaft als Herzensangelegenheit

Nicht nur die alte Dame habe Vorurteile gegen die aus dem Westen gehabt – auch die Lauinger hätten ein bisschen mit den Partnern aus Marzahn-Hellersdorf „gefremdelt“, meint Barfuß. Doch für ihn sei diese Partnerschaft eine Herzensangelegenheit gewesen. Vielleicht auch deshalb, weil er selbst in Ost-Berlin studiert hatte.